Montag, 21. August 2017

Erfahrungen an einem Sonntag in Russland

Ich schrieb neulich, mich könne nichts mehr wirklich erschüttern. Ich meinte das im „negativen“ Sinne, also das erschüttert Sein durch ein schreckliches Ereignis.
Nun wurde ich gestern doch erschüttert, aber nicht durch ein negatives, sondern durch ein wunderbares, positives Ereignis. Ja, es war im wörtlichen Sinne ein Wunder. Alles schien von höheren Mächten „eingefädelt“ zu sein und es blieb zum Schluss nur noch Staunen bei allen Beteiligten.
Wir sind, wie geplant, gegen 11.00 Uhr losgefahren in Richtung Lomonossov. Wir wollten nach Petershof, um die dortige Schloss- und Park-Anlage, die Peter der Große in Nachahmung von Versailles angelegt hatte, zu besuchen. Wir kamen aber nur bis Oranienbaum (Lomonossov), das einige Kilometer näher – von Sosnovy Bor aus gesehen – liegt, wo Peters Freund, Graf Alexander Menschikow, eine ähnliche Schloss- und Parklandschaft gestalten ließ.
Wir holten mit Lenas Vater das Auto aus der Garage und brachten ein paar Konserven in die „Sonnen-Allee“, wo wir den Vater ließen. Da bekam ich den ersten „Schock“ an diesem Sonntag: der Weg zum Eingang des Plattenbaus war versperrt durch ein blinkendes oranges Müllauto, das die Berge von ungetrenntem Müll – wie jeden Tag – einsammelte.
Es erstaunte mich, dass in dieser Stadt die Müllmänner auch am Sonntag arbeiten. Als wir dann endlich auf der Straße nach Lomonossow waren, bekam ich meinen zweiten „Schock“ an diesem Tag: wir kamen an einer Baustelle vorbei, an der ein Trupp Männer mit großem Gerät dabei war, den alten Straßenbelag abzuhobeln und das Material in Lastwagen abzutransportieren. Das hatte ich noch nie gesehen: eine Großbaustelle am Sonntag. Es wäre in Deutschland undenkbar.
Ja, ich war schockiert und es dämmerte mir, wie gründlich die Kommunisten in ihrer siebzigjährigen Herrschaft ein von der Anlage her christliches Volk umerzogen haben und aus dem christlichen Russland ein atheistisches Land gemacht hatten. Immer mehr drängt sich mir der Verdacht auf, dass das der eigentliche Plan der vorwiegend jüdischen Bolschewiki war. Ich hoffe, dass ich mich irre.
Der Fahrstil der Russen ist aggressiv und hektisch. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden grundsätzlich nicht eingehalten. Wenn ich – wie mir Olga bei der Ankunft empfohlen hatte – die Vorschrift um 20 Stundenkilometer überschreite, sei es in Ordnung. Das tue ich nun auch. Trotzdem werde ich regelmäßig von Autos mit der Nummer 178 (Oblast Leningrad) überholt, die die Geschwindigkeitsbegrenzung mit über 50 Stundenkilometern überschreiten und dann noch in unübersichtlichen Kurven rechts oder links an mir vorbeirasen. Einer dieser Überholer geriet gestern unmittelbar vor uns in eine Polizeikontrolle.
Lena sagt, dass die meisten russischen Männer gerne „auf Risiko“ fahren würden. Sie bräuchten eben diesen „Adrenalin-Kick“.
Unmittelbar am Stadtanfang von Lomonossow sah ich ein braunes Schild, dessen Inschrift ich nicht verstand, das ich aber als Hinweis auf ein Kulturdenkmal erkannte. Ich bremste etwas scharf ab und bog links in einen kleinen geschotterten Seitenweg ein, der schon nach wenigen Metern vor drei langgezogenen rechteckigen Aufschüttungen endete, die Lena sofort als Massengräber identifizierte. Ihr Verdacht bestätigte sich auch, als wir ausstiegen und die kyrillischen Inschriften lasen. Später erfuhren wir, dass hier 5000 Einwohner von Lomonossow „ruhen“, die bei der „Blockade von Sankt Petersburg“ gestorben sind.
Ich habe von dieser Blockade durch die Deutsche Wehrmacht vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 erst durch Lena erfahren. Vorher wusste ich von diesem „weltweit beispiellosem Kriegsverbrechen der deutschen Regierung unter Hitler und der Wehrmacht“ (Wikipedia[1]) nichts. Am 22. Juni 1941 hatte mit dem „Unternehmen Barbarossa“ der  „Russlandfeldzug“ Hitlers begonnen. Was ich darüber auf Wikipedia[2] zu lesen bekomme, befriedigt mich nicht, denn es ist aus der Sicht der Sieger geschrieben und bezeichnet den aus sowjetischer Sicht „großen vaterländischen Krieg“ „wegen seiner verbrecherischen Ziele, Kriegsführung und Ergebnisse als ‚ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs-, und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt‘ (Ernst Nolte, „Der Faschismus in seiner Epoche, Piper 1963)“ (Wikipedia).
Am 17. August 1941 erreichte das XXVI. Armeekorps der 18. Armee die Festung Kingisepp an der Luga, etwa 140 Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg und nicht sehr weit von der viel später gegründeten Stadt Sosnovy Bor gelegen. Beide Städte gehören heute zur Oblast Leningrad.
Das 1384 gegründete Kingisepp war eine Festung der Republik Nowgorod und hieß ursprünglich Jama. Die steinerne Festung diente der Verteidigung der russischen Fürstentümer gegen die Schweden-Einfälle. Bereits 1395 hielt sie einem schwedischen Angriff stand. Während der Nordischen Kriege verlor Russland den Ort zweimal an die Schweden (1583 und 1617) und er wurde über ein Jahrhundert lang schwedisch, bis ihn Peter der Große 1703 zurückeroberte. Nun hieß er „Jamburg“ und Peter schenkte die Stadt seinem Freund Alexander Menschikow. Erst 1922 wurde Jamburg von den Bolschewisten in Kingisepp umgetauft. Sie heißt bis heute nach dem estnischen Revolutionär Viktor Kingisepp (1888 – 1922).
Bei der „Leningrader Blockade“, die im Süden von deutschen, im Norden von finnischen Truppen unternommen wurde, sollen schätzungsweise 1,1 Millionen Zivilisten ihr Leben verloren haben, darunter auch viele Einwohner von Lomonossov.
Diese furchtbaren Ereignisse kann man mit menschlichen Maßstäben überhaupt nicht verstehen. Dem Geschehen kann man sich nur vorsichtig annähern, wenn man einen tieferen Blick für das Karma hat.
 
Wenn es auf Wikipedia als „beispielloses Kriegsverbrechen“ bezeichnet wird, dann blendet der Verfasser bewusst oder unbewusst aus, dass es bereits in den Jahren 1931 – 1933 in der Ukraine zum Tod von bis zu 14 Millionen Menschen durch Verhungern („Holodomor“)[3] kam, für den die Politik Josef Stalins verantwortlich war, der 1928 im ersten „Fünfjahresplan“ die Enteignung der russischen Bauern (Kulaken) und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft vorsah, um das kommunistische Russland auf die Stufe eines Industriestaates zu „heben“. Schon zuvor hatte Stalin versucht, den ukrainischen Freiheitswillen zu brechen, indem er etwa 10000 Geistliche töten  und  über 100 Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle nach Sibirien deportieren ließ.[4] Der Hauptverantwortliche für die Verbrechen war Stalins damaliger engster Mitarbeiter Lasar Kaganowitsch, ein Mann mit jüdischen Wurzeln.
Das alles passierte, bevor Adolf Hitler an die Macht kam. Die Öffentlichkeit erfuhr von diesen Verbrechen gegen die Menschheit erst nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991, lange, nachdem Deutschland bereits intensiv versucht hatte, die Verbrechen der eigenen Väter in einer etwa 60-jährigen „Trauerarbeit“ (Alexander Mitscherlich) „aufzuarbeiten“.[5]
Damals verloren zum Beispiel auch Lenas Großeltern mütterlicherseits, die noch nicht einmal 14 Jahre alt waren, ihre Heimat am Don und wurden nach Kasachstan umgesiedelt.
Vor ein paar Tagen erzählte Lenas Vater, der am 10. Februar 1948 in der Nähe der Stadt Kursk in eine einfache Bauernfamilie geboren wurde, von der Besetzung der Stadt durch die deutsche Wehrmacht vom 4. November 1941 bis zum 8. Februar 1943, bei der etwa 3000 Einwohner erschossen worden sein sollen. Fjodor erzählt, dass es nicht deutsche, sondern rumänische Wehrmachtskommandos gewesen seien, die diese Kriegsverbrechen begangen hätten. Immer wieder bin ich erstaunt, wenn ich über die Taten deutscher Soldaten und Offiziere im Zweiten Weltkrieg lese, so auch in der Vorbereitung auf unseren gestrigen Ausflug im Polyglott-Reiseführer: „Im September 1941 besetzten deutsche Truppen Peterhof und wüteten auf unvorstellbare Weise“ (S 133f).
Ich kann es gar nicht glauben, dass deutsche Soldaten beziehungsweise ihre Vorgesetzten so wenig Respekt vor der vergangenen Kultur hatten, die doch im Prinzip auf eine deutsche Fürstin, Katharina die Große, zurückging. Ein wenig Bildung will ich zumindest den Offizieren der damaligen Zeit doch zugestehen.
Mein Vater, der spätere Oberstleutnant zur See, hat seine Schulbildung auf der Ritterakademie in Liegnitz erhalten und konnte viele Verse aus der“ Ilias“ und der „Odyssee“ noch in meiner Jugend auswendig in altgriechischer Sprache rezitieren. Sein Kriegstrauma erlebte er, als er mit ansehen musste, wie etwa 9000 Menschen, die ihre Heimat im Osten verloren und sich in Gotenhafen auf das Schiff „Wilhelm Gustloff“ gerettet hatten, im eiskalten Wasser der Ostsee umkamen, nachdem das Lazarett-Schiff von drei Torpedos des sowjetischen U-Bootes S 13 getroffen worden war.[6]
Daran musste ich auf unserer Reise um die Ostsee immer wieder denken, ganz besonders, als wir mit der Fähre vom deutschen Puttgarden auf Fehmarn nach Rödby in Dänemark übersetzten und ich auf das Spiel der Wellen und der Gischt blickte, die unser Boot aufwirbelte. Vor meinem inneren Auge erschienen plötzlich all die Toten und ich fragte mich, wo sie heute sind.
Lena und ich standen also vor diesen drei Massengräbern und unsere Gedanken wanderten zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, die wir nur aus Erzählungen und aus dem Geschichtsunterricht kennen, Lena aus ihrem sowjetisch, ich aus meinem westlich geprägten.
Wie drei unbepflanzte riesige Hochbeete lagen die drei „Rabatten“ vor uns. Am nördlichen Ende war noch ein Sowjetstern vor einem Gedenkstein eingemauert, aus dem einst eine Flamme züngelte. Sie war inzwischen verloschen.
Östlich von den Kriegsgräbern stand die Kirche, auf die uns das Hinweisschild aufmerksam gemacht hatte. Es war eine Ruine aus Ziegelsteinen. Das Dach der dreischiffigen Basilika war weitgehend eingebrochen. Aber neben der alten Kirchenruine stand eine kleine, neugebaute Holzkirche. Frauen und Männer, die an diesem Sonntagvormittag vom Gottesdient kamen, standen noch um die Kirche herum und unterhielten sich miteinander oder mit dem Priester, der durch sein schwarzes Gewand kenntlich war.
Als wir um die Kirche herumgingen, trat eine Frau zu uns, die bereit war, uns etwas über den Bau zu erzählen. Sie stellte sich uns als Nadeschda vor und fragte nach unseren Namen. Als wir uns bekannt gemacht hatten, begann sie ihre „Kirchenführung“.
Sie sagte uns, dass es sich um eine Dreifaltigkeitskirche handele, in der sowohl Reliquien von Alexander Newski, als auch von Wladimir dem Großen aufbewahrt würden. Die ursprüngliche Kirche war aus Holz und hatte ein paar hundert Meter weiter nördlich am Ufer des Finnischen Meerbusens gestanden, wo jetzt Wald wächst, der mit völlig zugewachsenen Gräbern übersät ist.
Ein Grab auf diesem Friedhof zeigt sie uns. Es handelt sich um eine Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts, die vermutlich mit dem Bau der alten Holz-Kirche zusammenhängt. Ich mache ein Foto von dem Grab.
Die heutige Kirche, die offensichtlich gerade einer Renovierung unterzogen wird, wie uns die zahlreichen Tafeln an der Kirchenwand anzeigen, ist erst im Jahr 1903 eingeweiht worden. Sie wurde im neuromanischen Stil auf einem lateinischen Grundriss erbaut, was mir sofort auffällt.
Wir erfahren auch, dass das Gebiet einst dem Grafen Alexander Menschikow gehörte. In Wikipedia lese ich, dass Katharina die Große in Lomonossow vor allem deutschen Siedlern Land überließ. 1848 sollen hier laut Wikipedia noch 6344 deutschsprachige Siedler gewohnt haben. Die 1710 gegründete Stadt hieß damals Oranienbaum, weil es hier eine Orangerie gab oder weil Peter der Große eine Vorliebe für das Oranier-Geschlecht der Nassauer hatte. Auf Wikipedia lese ich, dass die Stadt als Brückenkopf von der Sowjetarmee während der Blockade erfolgreich verteidigt wurde und dass hier die Kunstschätze nicht zerstört worden seien.[7]
Bis zur Perestroika war Oranienbaum, das im Jahre 1948 nach dem berühmten russischen Gelehrten Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711 – 1765) umbenannt wurde, eine von der Außenwelt abgeschnittene Stadt, weil sich hier ein Stützpunkt der sowjetischen Marine befand.
Nadeschda, eine kräftige Frau mit bereits ins Graue herüber spielenden blonden Haaren, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hat,  ist hier aufgewachsen und war lange Zeit Mitarbeiterin in den Gärten und Palastanlagen von Oranienbaum. Sie erzählt uns von einer wesentlich älteren Bekannten, die Augenzeugin eines Leichenberges war, der östlich des Kirchenchores aufgehäuft worden war.
Die Kirche war also umgeben von unvorstellbar vielen Toten aus den Zeiten der Leningrader Blockade. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass sie jetzt, gleichsam als Gedenkstätte, restauriert werden soll.
Lena versucht, die Mitteilungen Nadeschdas für mich zu übersetzen, aber ich bin nicht ganz sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. Deshalb recherchiere ich jetzt beim Niederschreiben immer wieder im Internet-Lexikon „Wikipedia“, das mir Gott sei Dank hier, fern von der Heimat, jederzeit zur Verfügung steht.
Als nächstes zeigt uns Nadeschda die neue Holz-Kirche und einige Ikonen.
Besonders auffallend ist ein Heiliger mit langem weißen Bart, der in zwei Teilen bis auf den Boden reicht. Es ist der Heilige Onophrius, den ich selbst erst am 26. Juni 2017 durch Herrn Rümelin kennen gelernt hatte.
Nadeschda ist erstaunt, dass ich diesen Heiligen kenne. Ich erfahre später, dass sie mit einer Reisegruppe unter Vater Andrej in einem Kloster in Israel war, in dem dieser Anachoret, dessen Körper ganz mit Haaren bewachsen war, gelebt haben soll. Ich wusste nicht, dass er auch in der orthodoxen Kirche verehrt wird.
Dieser Heilige, der Schutzpatron des Vetters und Gegenspielers Kaiser Barbarossas, Heinrich des Löwen, ist sozusagen der „Türöffner“ für die wunderbare Begegnung mit Vater Andrej, der seit etwa zwei Jahren Priester in dieser Gemeinde ist und sich tatkräftig, das heißt auch handwerklich, für den Wiederaufbau der Dreifaltigkeitskirche einsetzt.

Im Anschluss an den Besuch der Kirche fragt Nadeschda Lena, ob ich Interesse habe, Vater Andrej, den Priester diese Gemeinde, persönlich kennenzulernen. Ich sage „Ja“. Und so werden wir beide in einen kleinen Nebenraum der Kirche, gleichsam den Gemeinderaum, eingeladen, in dem ein gedeckter Tisch steht, an dessen Kopfende Vater Andrej sitzt. Er teilt das Mal mit etwa acht Gemeindemitgliedern, die nach dem Gottesdienst noch geblieben sind. Wir werden gebeten, Platz zu nehmen und sogleich werden  uns Tee und Speisen gereicht. Kaum haben wir uns gesetzt, sind wir schon im Gespräch mit Vater Andrej, einem sehr sympathischen 58-jährigen Geistlichen mit rötlichem mittellangen Bart.
Die erste Frage, die er mir – beziehungsweise Lena – stellt, finde ich sehr wesentlich. Er fragt, ob das Christentum in Deutschland eher traditionell sei oder aus einem lebendigen Glauben hervorgehe. Ich versuche zu antworten.
Lena erzählt, was ich mache, und dass ich mich sehr für die russische Geschichte interessiere, insbesondere auch für Zar Nikolaus II. und für Rasputin. Da horcht Vater Andrej auf und fragt mich, was ich von Rasputin halte. Ich sage nur, dass ich mich schon lange für diesen Heiligen Mann interessiere. Er erwidert, dass sein Tod bis heute ein ungelöstes Rätsel sei. Ich sage, dass mich auch die tragische Geschichte der Zarenfamilie interessiere und erwähne, dass genau an diesem 20. August vor 17 Jahren die russisch-orthodoxe Kirche diesen letzten Romanov-Zaren und seine ganze Familie als Märtyrer kanonisiert habe.  Davon wusste er nichts, aber mehrere der am Tisch Sitzenden zückten sofort ihr Handy und bestätigten meine Angabe.
Andererseits war Vater Andrej der erste Mensch, den ich treffe, der Boris Wladimirovitsch Stürmer kennt und weiß, dass er im Jahre 1916 ein paar Monate lang Premierminister unter Zar Nikolaus II. war.
Er fragt mich, wie ich Russland erlebe, ob gläubig oder nicht gläubig. Ich sage, dass ich Russland erst durch Lena näher kennen gelernt habe, die in der atheistischen Sowjetunion aufgewachsen ist, und deswegen noch kein zutreffendes Urteil abgeben könne. Er empfiehlt mir, „Die Dämonen“ von Dostojewski zu lesen, wenn ich die zwei Seiten der russischen Seele besser kennen lernen will.
Dann stelle ich ihm meinerseits eine Frage. Ich möchte wissen, welcher Feiertag am Vortag gewesen sei, und ich erfahre, dass es tatsächlich der Tag der „Verklärung“ war, wie ich vermutet hatte. Dieser Tag leitet in der orthodoxen Kirche offenbar eine kleine Fastenzeit ein, weshalb man in dieser Zeit kein Fleisch und keine tierischen Lebensmittel isst, also auch keine Milch in den Tee nimmt. Das war wohl der Grund, warum Lenas Vater vorgestern vor dem Essen Apfelschnitze gereicht hatte.
Dann fragt mich Vater Andrej, welche Rolle Gott in meinem Unterricht an deutschen Schulen spiele und ich sage, dass er immer eine wichtige Rolle gespielt habe, weil ich lange Lehrer an verschiedenen Rudolf-Steiner-Schulen war.
Zuerst versteht er den Namen „Rudolf Steiner“ nicht, aber dann merke ich an seinem Gesicht, dass er von ihm schon gehört hatte. Er fragt mich, als was ich Rudolf Steiner sehe. Es ist fast die identische Frage wie die, welche er zu Rasputin gestellt hatte.
Ich sage, dass er nicht nur ein Philosoph war, sondern ein Mann, der den Menschen zum Beispiel eine neue Pädagogik, eine neue Medizin und eine neue Landwirtschaft gebracht habe. Ob ich alles gut finde, was Nietzsche geschrieben habe, will Vater Andrej dann etwas ausweichend wissen. Ich sage: nein. Vater Andrej zitiert Sokrates und meint, dass alle Philosophie nicht ausreiche, um Gott zu erkennen. Ich sage die Variante des Sokrates-Ausspruches auf, den ich oft mit meinen Schülern rezitiere: „Wer weiß, dass er nichts weiß, weiß mehr, als der, der nichts weiß, und nicht weiß, dass er nichts weiß“ und lasse ihn von Lena, (Neben-) Satz für (Neben-) Satz ins Russische übersetzen. Da muss Vater Andrej lachen. Das Eis, das vorher noch zwischen ihm und dem Fremden „Eindringling“ aus Deutschland zu liegen schien, war nun endgültig gebrochen. Als ich auch noch den Namen von Wladimir Solowiow nannte, beginnen seine Augen zu leuchten.

Vater Andrej verlässt den Gemeindesaal kurz und bringt nun ein gerahmtes Bild von der Zarenfamilie und zwei Reproduktionen von Hiob-Ikonen[8], die seine Schwester, eine Ikonen-Malerin, geschaffen hatte und schenkt sie mir.
Ich bin so gerührt, dass ich zu ihm gehe, vor ihm niederknie und ihm die Hand küsse. Er will mich sofort aufrichten, aber ich bleibe sekundenlang in dieser Haltung und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Dann setze ich mich und verberge meine Tränen mit den Händen. Vater Andrej streichelt mir tröstend den Rücken. In diesem Augenblick ist unsere Freundschaft besiegelt.
Wir tauschen unsere E-Mail Adressen aus.
Kurz darauf holt Vater Andrej noch ein Modell der Kirche und schenkt es mir auch noch. Als ich Nadeschda bitte, ein Foto von uns beiden mit den Geschenken in der Hand zu machen, willigt er ein.



Als Lena und ich uns von Vater Andrej und der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit verabschieden, spendet er uns den Segen.
Nadeschda meint, wir müssten wiederkommen und hier heiraten, wenn die Kirche fertig restauriert sei.
Für die geplante Restaurierung ist die Gemeinde allerdings auf Spenden und Unterstützung des Staates angewiesen. Eine Organisation gibt es bereits, die das Projekt unterstützt: Es ist die Besatzung des U-Bootes „Alexander Newski“, das hier offenbar vor Lomonossow liegt. Ein Modell dieses U-Bootes findet sich im Vorraum der Holzkirche.

Nun fahren wir mit dem Auto ein Stückchen weiter zu einem Parkplatz, von wo aus wir zu einem anderthalbstündigen Rundgang durch die Parkanlagen mit den Palästen Menschikows und Katharinas (Chinesisches Schloss) gehen.
Da Nadeschda jahrelang hier gearbeitet hat, weiß sie viele Details zu erzählen, die man sonst eher nicht erfährt, so zum Beispiel, dass Alexander Menschikov, der Sohn eines Stallknechts, der unter Peter dem Großen zu unvorstellbarem Reichtum gelangt war, verschiedene Sorten von Steinpilzen aus Deutschland importieren und sie in den Parkanlagen ausbringen ließ. Bis heute wachsen hier die schmackhaftesten Pilze, die Nadeschda und andere Mitarbeiter oftmals gesammelt haben. Auch zeigt sie uns beim „Chinesischen Palast“, einem Schmuckstück an einem künstlichen See, eine aus Granit gehauene Bank, auf der alte Bäume wachsen. Diese Bank wurde, wie eine eingemeißelte Inschrift verrät, für Katharina die Große geschaffen, die sich oft in ihr Schlösschen zurückzog. Wir erfahren auch, dass rund um das Schlösschen Szenen des russischen Films „Tschaikowski“ von Igor Wassiliewitsch Talankin (1969) gedreht wurden, der sogar zwei Oscarnominierungen erhalten hatte und in Russland sehr bekannt ist.


Die weitläufige Anlage vereinigt französische und englische Gartenbaukunst. Der barocke Hauptpalast allerdings folgt einem streng symmetrischen Grundriss und steht auf einer ausgedehnten Nord-Süd-Sichtachse, die auf den Marine-Dom der von Peter dem Großen 1703 gegründeten Festung Kronstadt auf der Ostseeinsel Kotlin im Finnischen Meerbusen zeigt. Über diese Insel führt die erst im letzten Jahr fertiggestellte Autobahn, auf der wir – von Finnland kommend – am Mittwochabend, den 9. August 2017, nach Sosnovy Bor gelangt waren.
Auch ein Atelier des italienischen Bildhauers und Architekten Bartolomeo Rastrelli gibt es in der Parkanlage. Er ist der Hauptbaumeister des barocken Sankt Petersburg und hat zum Beispiel den Winterpalast entworfen, den wir am Donnerstag vergangener Woche besucht haben.
Zum Abschluss laden wir Nadeschda bei einem Imbissstand mit Sitzplätzen am Tiergehege des Parks zu einem Kaffee ein. Dabei erzählt sie uns auf meine Nachfrage mehr von Vater Andrej. Ich erfahre zum Beispiel, dass er seit 36 Jahren verheiratet ist. Auch Nadeschda ist verheiratet und engagiert sich aus Liebe zu ihrem Mann, der Afghanistankrieg-Veteran und gläubig ist, für die Gemeinde der Dreifaltigkeitskirche.
Nicht weit von der in Weiß erstrahlenden schön restaurierten Hauptkirche von Lomonossow, die dem Erzengel Michael geweiht ist, verabschieden wir uns von unserer freundlichen Führerin und fahren zurück nach Sosnovy Bor.
Noch immer sind die Bauarbeiten auf der Straße im Gange. Am Abend wollen Olga und Lena noch einkaufen. Ich kutschiere sie zu drei Einkaufszentren, die rund um die Uhr, also auch am Sonntag, geöffnet haben: zu „Lenta“, zu „Carusel“ und zu „Spar“. Ich suche vergeblich in den drei Läden nach einem essbaren Hartkäse. Dafür gibt es frischen Fisch in Hülle und Fülle. Und eine riesige Fleischtheke. Natürlich dürfen die russischen Bonbons (Konfetti) nicht fehlen, die sich über mehrere Regale verteilen und mit ihren buntglitzernden Verpackungen vor allem russische Frauen verführen.
Russland steht inzwischen an vierter Stelle bei dem Bevölkerungsanteil an übergewichtigen Menschen.
Im Bereich des Einkaufens steht Sosnovy Bor einem deutschen Einkaufszentrum in nichts nach. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass die ehemaligen Sowjetbürger ein ungeheures Nachholbedürfnis nach den Gütern des „Goldenen Westen“ haben. Russische Lebensmittel gibt es zwar auch, aber die meisten kenne ich aus Deutschland, unter anderem die Milchprodukte von  Danone und Getränke von Nestle, aber auch all die Industrieprodukte anderer Nahrungsmittelkonzerne.
Die Russen, die hier einkaufen, haben davon offenbar noch kein Bewusstsein, genauso wenig, wie bei der Müllentsorgung. Immer wieder muss ich mich überwinden, wenn ich bei Lenas Eltern Teebeutel, Lebensmittelreste, Plastikflaschen oder Papier ungetrennt in den gleichen Mülleimer werfen muss.

Dieser unbewusste Umgang mit industriell gefertigten Lebensmitteln und der umweltbelastenden Müllentsorgung ist der dritte "Schock", den ich an diesem Sonntag erfahre.




[3] „Nach Berechnungen der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, die im November 2008 veröffentlicht wurden, betrug die Opferzahl in der Ukraine ca. 3,5 Millionen Menschen. Andere Schätzungen gehen von 2,4 bis 7,5 Millionen Hungertoten aus. Der britische Historiker Robert Conquest beziffert die Gesamtopferzahl auf bis zu 14,5 Millionen Menschen. Hierbei wurden neben den Hungertoten auch die Opfer der Kollektivierung und Entkulakisierung und der Geburtenverlust hinzugerechnet“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor ).
[4] „Stalin verfolgte das politische Ziel, den ukrainischen Freiheitswillen zu unterdrücken und die sowjetische Herrschaft in der Ukraine zu festigen. Die Sowjets waren bereits zuvor radikal gegen die ukrainische Intelligenzija und den ukrainischen Klerus vorgegangen. Zwischen 1926 und 1932 wurden durch die Kommunisten 10000 Kleriker liquidiert. Allein im Jahr 1931 wurden mehr als 50000 Intellektuelle nach Sibirien deportiert, darunter die 114 wichtigsten Dichter, Schriftsteller und Künstler des Landes. Hiernach wandten sich die Sowjets nun gegen die Bauernschaft, die sich weiterhin hartnäckig der Kollektivierung und Umerziehung widersetzte. Im Sinne der Russifizierung sollte die ukrainische Kultur ausgemerzt werden, so dass nur noch sowjetische Kultur übrigbliebe (ebenda).
[5] Der deutsche Journalist Paul Scheffer hatte, wie ich Wikipedia entnehme, schon im Jahre 1929 darüber im „Berliner Tageblatt“ berichtet und ging 1930, also ebenfalls vor der Machtergreifung Hitlers, in seinem Buch „Sieben Jahre Sowjetunion“ „sachlich, aber erstmals ausführlich auf Stalins Methoden und Vertuschungsversuche zum ‚millionenfachen Hungertod‘“ (Wikipedia) ein.
[7] Die Kunstschätze der Stadt blieben vor der Zerstörung bewahrt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Lomonossow
[8] Hiob war auch der Lieblingsheilige von Dostojewski

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