Donnerstag, 2. Februar 2017

Regionalität statt "Weltmarkt" - zum Zweiten Hohenloher Bauerntag an Mariä Lichtmess


Gestern waren meine Freundin und ich in Wolpertshausen beim „Zweiten Hohenloher Bauerntag an Lichtmess“.
Die Mehrzweckhalle war in beiden Sälen mit etwa 1200 Menschen voll besetzt. Die meisten waren tatsächlich Bauern, wie ich an den interessanten, von Wind und Wetter und der fruchtbaren Hohenloher Landschaft geprägten Physiognomien ablesen konnte. Am liebsten hätte ich von all diesen bäuerlichen Ureinwohnern ein Foto gemacht, so interessant waren ihre individuellen Gesichter.
Gleichsam „angelockt“ hatte Rudolf Bühler diese Menschen mit der Ankündigung freien Essens („Bauernschmaus“) und Trinkens. 
Und tatsächlich: der streng durchorganisierte Nachmittag – die Veranstaltung begann um 13.30 Uhr und endete gegen 17.30 Uhr – war gegliedert durch Pausen, in denen eine Schar von Dirndl tragenden Frauen verschiedene Speisen und Getränke servierte: Zuerst Maultaschen mit Kartoffelsalat, dann Hefezopf mit Kaffee und schließlich noch ein Bauernvesper mit Dosenwurst und Schwarzbrot – und das alles „auf Kosten des Hauses“!


So blickte ich nur in zufriedene Gesichter, obwohl die sechs Vorträge, die an diesem Nachmittag gehalten wurden, wenn man sie wirklich aufnahm, die Kraft hatten, die Gedankengebäude unserer gewohnten Anschauungen zu erschüttern. Im Sinne des Mottos des Bauerntages, „Gemeinsam Zukunft gestalten“ waren sie geradezu „revolutionär“.
Zuerst sprach Bauernpfarrer im Ruhestand Willi Mönikheim über die alttestamentarische Erzählung vom „Turmbau zu Babel“. Mit seiner vorwiegend im Hohenloher Dialekt gehaltenen Andacht stimmte er gleich am Anfang auf die Landschaft ein, in der wir uns befanden. Ich hatte den Eindruck, dass in Wolpertshausen vor etwa 30 Jahren ein Projekt begonnen hatte, das wie ein Gegenbild zum Turmbau zu Babel gelesen werden kann: die Schaffung der „Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft“.
Nach der Ansprache von Rudolf Bühler, der auch die ganze Veranstaltung moderierte, folgte die kraftvolle Rede von Hubert Weiger. Der Präsident des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) war der erste, der die verfehlte Landwirtschaftspolitik des Deutschen Bauernverbandes anklagte, die durch die Orientierung der Erzeugerpreise am „Weltmarkt“ geradezu zum Untergang der vielen kleineren bäuerlichen Betriebe beigetragen habe und nur die großen überleben lasse. Er prangerte an, dass die Bauern, die auf ihre „Ratgeber“ hörten, obwohl sie traditionell Bewahrer und Pfleger der Natur sind, heute eher als Umweltsünder betrachtet werden müssten, die die Böden, das Wasser und die Luft vergiften und die Tiere ausbeuten würden.
Mir gefielen die deutlichen Worte und mich überzeugten die Argumente des obersten „Bosses“ meines Schwagers Gottfried, der sich als Geschäftsführer des BUNDs Unterfranken der Zerstörung der Natur beruflich täglich entgegensetzt. Ob die Vertreter des Bauernverbandes, die wie ich später erfuhr, ebenfalls gekommen waren, genau so begeistert von der Rede waren, bezweifle ich.
Noch weniger begeistert dürften sie von der gewohnt kämpferischen Rede von Rezzo Schlauch gewesen sein, der sich direkt an sie wandte und kein gutes Haar an der Politik der Bauernverbände ließ. Er deckte auf, dass der Bauernverband eher auf die agrarindustriellen Großkonzerne hören  und in Brüssel nicht die Bauern selbst vertreten würde. So kämen 80 Prozent der landwirtschaftlichen, an die Fläche gebundenen Subventionen der EU nicht den hart und ehrlich arbeitenden kleinen und mittelgroßen Bauern zu, sondern den Agrarriesen, die bäuerliches Land kauften und für überhöhte Preise verpachteten.
Am besten gefiel mir aber die kurze Ansprache von Fritz Vogt, dem „Bankdirektor i.R.“, die eher leise war, aber die Sache auf den Punkt brachte: Er erinnerte an die Tatsache, dass in älteren Zeiten an Mariä Lichtmess das Personal den Dienstherren wechselte und rief die versammelten Bauern dazu auf, auch ihren Dienstherrn zu wechseln. Der alte Dienstherr sei das Kapital, dem wir uns alle unterworfen hätten. Das Kapital, so sagte er kurz und bündig, sei aber gleichzusetzen mit dem Tod, denn es zerstöre unseren Planeten. Der neue Dienstherr könne nur das Leben sein. Und der Landwirt und ehemalige Leiter der kleinsten Bank Deutschlands, der Raiffeisen-Sparkasse von Gammesfeld, der durch den Film „Schotter wie Heu“ berühmt geworden ist, rief die versammelten Bauern auf, als erstes auf alle Subventionen zu verzichten.



Zum Abschluss ging ich mit meiner Freundin vor, um mich bei Rudolf Bühler, dem Pionier einer neuen bäuerlichen Zukunft für die Veranstaltung und das Essen persönlich zu bedanken. Er fragte mich lächelnd, ob ich auch ein Bauer sei, und ich antwortete: „Ja, im Herzen!“

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